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BT 30] . 852t IrcH

Das Leben Jeſn.

——

Das Recht der Ueberſetzung ift vorbehalten.

ner.

Be

Dem Andenken meines lieben Bruders

Wilhelm Strang

gewidmet.

Segen Ende bes Jahres 1862, bald nachdem ich mit ber Ausarbeitung diefes Wertes begonnen hatte, brachte mich die lebhafte Theilnahme, welche mein einziger Bruder, früher Fabrikant in Kin, damals zu Darmftadt im Ruheſtande lebend, meiner Arbeit fchenkte, auf den Gedanken, ihm diefelbe zuzueignen, und id; warf, rafd) wie der Vorſatz mic bewegte, die nachfiehende Widmung auf's Papier. Dod) ihon nad wenigen Monaten, am 21. Februar 1863, unterlag er unerwartet ſchnell feinen Leiden, ohne daß er von meinem Vorhaben, da ich ihm eine Ueberrafhung hatte bereiten wollen, noch etwas erfahren hätte. Sein Tod ändert nichts an meinem Wunſch und meiner Pflicht, einmal auch öffentlich zu fagen, was er mir und meinen Arbeiten gewefen ift, und fo ftehe denn die Zueignung ale Nachruf an den Berftorbenen hier, die als Zuruf an den Lebenden gefchrieben mar.

Lieber Bruder! -

So alt meine Schriftftellerei nächftens ift, fo ift doch, von en paar Sendfchreiben abgefehen, dieß das erfte Buch, das ich Jemanden zueigne. Gönner habe ich nie weder gehabt noch ge- jucht; meine Lehrer, nachden ich mit meiner Erftlingsarbeit Anſtoß erregt hatte, beeilten fich, der Wahrheit gemäß zu verjichern, daß ih das, woran man jenen Anftoß genommen, d. 5. das Beſte was ich wußte, nicht von ihnen gelernt habe; meinen Freunden und Studiengenofjen aber fah ich aus der bloßen Kunde ihrer Freundſchaft mit mir, fomweit fie nicht vorzogen (was auch vor- kam) dieje den Verhältniffen zum Opfer zu bringen, bejonders in unferer Heimath Württemberg jo viel Ungelegenheit, Zurückſetzung und Berbäctigung erwachſen, daß es Gewiſſensſache war, fie nicht durch ein öffentliches Denkmal unjerer Verbindung noch mehr aus» zuſetzen. |

Du, lieber Bruder, bift unabhängig, Haft dich (das ift ber Segen des Gewerbs) um die Gunſt oder Ungunft geiftlicher und weltficher Obern nicht zu kümmern, die Tann es nichts fchaden, mern dein Name vor einer Schrift von mir zu lefen if. Zur gleich Haft du aber, neben dem, was du dem Bruder warit,

wie du ihm in fo mancher ſchwierigen Lebenslage als treue Stütze zur Seite ftandft, auch dem Schriftfteller von jeher in Einer Perſon alles dasjenige geleiftet, was einem folchen von Gönnern, Lehrern und Freunden geleiftet werden Tann... Du Haft mich ermuntert, und, was. mehr ift, du Haft mich verftanden; du haft meinen oft gefunfenen Muth gehoben, aber auch meinen bisweilen auf andere Felder abjchweifenden Sinn bei der Sache, der ich mich urfprünglich gewidmet hatte, feftgehalten; bei Abfaſſung diefer Schrift insbejon- dere haft du mir von Anfang an im Sinne gelegen, und kein Blatt derfelben ift zu Stande gekommen, ohne daß das DBeftreben, dir genug zu thun, fo zu fchreiben, wie ich wußte, daß du es für Bedürfniß unferer Zeit halteft, mir Antrieb und Leitftern gewejen wäre.

Und hier trifft die Widmung dieſes Buches mit der auf dem Titel ausgeſprochenen Beſtimmung deſſelben zuſammen. Indem ich es dem Bruder widme, denke ich mir dieſen als einen Mann aus dem deutſchen Volke; und indem ich es dem deutſchen Volk beſtimme, ſetze ich voraus, daß unter dieſem viele Männer ſeien, die dem Bruder gleichen. Ich meine viele, die, unbefriedigt vom

Erwerb, auch geiftigen Dingen nachtrachten; die nach arbeitspollen Tagen in ernfter Lectüre ihre befte Erholung finden; die ben feltenen Muth Haben, um den Bann der hergebrachten Meinung und der Tirchlichen Satzung unbekümmert, über des Menfchen wich- tigfte Angelegenheiten auf eigene Hand nachzudenken, und die nod) feltenere Einficht, auch den politifchen Fortſchritt, wenigftens in Deutfchland, nicht eher für gefichert zu Halten, ale bis für die Befreiung der Geifter von dem religiöfen Wahn, für rein humane Bildung des Volks geforgt ift.

Ob eine Weltanficht, die, mit Ablehnung aller übernatürlichen Hülfsquellen, den Menſchen auf fich ſelbſt und die natürliche Ord⸗ nung der Dinge ftellt, fi) auch wirklich für's Volt und für's Leben eigne, ob fie im Stande fei, den Menſchen nicht nur im Glück in der richtigen Bahn, fondern auch im Unglüd aufrecht zu erhalten, dieß insbefondere nach der letzteren Seite zu erproben, haft du, Lieber Bruder, nur allzuviele Gelegenheit gehabt. Du haft einem langjährigen Körperleiden ohne fremde Krücken, einzig auf das geſtützt, was du als Menſch und Glied dieſer geiſt— und gotterfüllten Welt biſt und wiſſen kannſt, mannhaft wider⸗.

ftanden; du Haft unter Umftänden, die den Gläubigften hätten Heingläubig machen können, Muth und Faſſung behalten; du haft jelbft in ſolchen Augenbliden, wo jede Lebenshoffnung erlojchen war, niemals der Verſuchung nachgegeben, durch Anlehen beim Jenſeits dich zu täufchen.

Möge dir nad fo Harter Prüfung ein freundlicher Lebens- abend beichieden fein; ınöge diejes Buch deiner Nachſicht genügen, und ‚diefe Widmung dir nicht mißfallen; an ihr aber unfere Kinder und einft unfere Enkel noch erfennen, in welcher innigen Geiftes- gemeinjchaft ihre Büter geftanden, in welchem Glauben fie, ob auch nicht heilig, doch wenigftens ehrlich gelebt haben, und wenn nicht felig, doch Hoffentlich ruhig geftorben find.

GW? ——

oN

vorrede.

Ale ich vor bald neunundzwanzig Jahren die Vorrede zu der erſten Ausgabe meines Leben Jeſu ſchrieb, erklärte ich ausdrücklich, das Werk ſei nur für Theologen beſtimmt, für Nichttheologen ſei die Sache noch nicht gehörig vorbereitet, und daher das Buch abſichtlich ſo eingerichtet worden, daß ſie es nicht im Zuſammenhang verſtehen können. Dießmal habe ich umgekehrt für Nichttheologen geſchrieben und mich bemüht, keinem Gebildeten und Denkfähigen darunter auch nur in einem Satze unverſtändlich zu bleiben: ob auch die Theologen (ich meine die zünftigen) mich leſen wollen oder nicht, gilt mir gleich.

So haben ſich unterdeſſen die Zeiten geändert. Auf der einen Seite kann jetzt auch das größere Publikum für dergleichen Fragen nicht mehr wie damals unvorbereitet heißen. Ohne mein Zuthun, durch meine bitterſten Widerfacher, diefelben bie mir zumutheten, ich hätte wenigftens Lateinifch Schreiben follen, find, weil fie dod das Schreien nicht laſſen konnten, biefe Fragen zuerft unter die Menge geworfen, nachher von Andern, bie weniger Scheu als ich trugen, in gemeinverjtändlicher Form, nicht immer zu meines Zufriedenheit, behandelt worden, bis zulegt das politifche Er- wachen des beutichen Volles auch für bie religiöfen Angelegenheiten einen freieren Sprechſaal eröffnet hat. Dadurd find viele Gemüther in ihrer Anhänglichkeit an das Alte erfchüttert, zu eigenem Nachdenken über bie Gegenstände des Glaubens angeregt worden; während zugleid) eine Menge von Vorbegriffen, auf deren VBorhandenfein bei dem erjten Erfcheinen meines Werkes noch nicht zu rechnen war, in allgemeinen Umlauf gelommen if. Und Schließlich ift e8 doch nur ein Zunftvorurtheil, daß zur eigenen Einſicht in dieſe Dinge nur der Theolog, überhaupt nur der Gelehrte,

xu Vorrede.

befähigt ſei. Im Gegentheil iſt das, worauf es dabei in letzter Beziehung ankommt, ſo einfach, daß ein jeder, dem Kopf und Herz am rechten Flecke ſitzen, kecklich annehmen darf, was ihm nad reifem Nachdenken und Be⸗ nützung der jedem zugänglichen Hilfsmittel noch unverſtändlich bleibt, darauf komme es auch nicht an.

Auf der andern Seite hat ſich in der Zwiſchenzeit herausgeſtellt, daß gerade die Theologen am wenigſten diejenigen find, von denen ein unbe- fangenes Urtheil in dieſer Sache zu erwarten ift. Sie find ja Richter und Partei zugleid. Mit der bisherigen Anficht von den Gegenftänden des hriftlichen Glaubens, insbejondere der Grundlage befjelben, der evan- gelifchen Gefchichte, fehen fte ihre eigene bisherige Geltung als geiftlicher Stand in Frage geftellt. Ob mit Recht oder Unrecht, ift gleichgültig; fie glauben e8 einmal, Für jeden Stand aber ift fein eigenes Beſtehen oberfte Vorausſetzung. Es werden immer nur wenige feiner Mitglieder fein, bie einer Neuerung auch auf die Gefahr Hin zuftimmen, daß fie jenes Beftehen aufhebe oder ſchmälere. Und foviel ift jedenfalls ficher, wenn das Chriſtenthum aufhört ein Wunder zu fein, fo können auch die Geiftlichen nicht mehr die Wundermänner bleiben, als die fie ſich bis dahin fo gerne gebärbeten. Sie werden nicht mehr Segen fpredhen, fondern nur noch Belehrung ertheilen fünnen; davon ift aber bekanntlich das Letztere ein ebenfo ſchweres und undankbares als das Erftere ein Leichtes und lohnendes Geſchäft.

Wollen wir alſo in religiöſen Dingen weiter kommen, ſo müſſen ſolche Theologen, die über den Vorurtheilen und Intereſſen der Zunft ſtehen, um die Mehrheit ihrer Zunftgenoſſen unbekümmert, den Denkenden in der Gemeinde die Hand reihen. Wir müflen zum Volle reden, da die Theologen ihrer Mehrheit nach uns doch fein Gehör geben; wie der Apoftel Paulus fi an die Heiden wandte, da die Juden fein Evangelium von fich ftießen. Sind nur erft bie Beten im Volke fo weit, daß fie fi) das nicht mehr bieten laffen, was ihnen jegt die Geiftlichen großen: theil8 noch geben, fo werden fich diefe fchon eines Beſſern befinnen. Aber ein Drud muß auf fie ausgeübt werben, wie auf die Juriften vom alten Schlag ein Drud von Seiten der öffentlichen Meinung ausgeübt werden mußte, um fie für Gefchwornengerichte und ähnliche Reformen in ihrem Fache zu ſtimmen. Ic weiß, gewifje Herren werden hier von verlaufenen Theologen reden, die nun die geiftlicden Demagogen fpieleg wollen. Meinet- wegen; Mirabeau ift auch ein verlaufener Adeliger geweſen, der dem

Borrede xm

Bolfe die Hand gereicht hat, und wahrhaftig, die Handreichung ift nicht ohne Folgen geblieben. Bin ic) mir auch der Gaben eines Mirabeau nicht bewußt, fo kann ich dafür mit reinerem Bewußtfein auf meine Ver: gangenheit und auf die That zurüdfehen, die mir den Bann meinet ehe maligen Zunſt zuwege gebracht Hat. _

Diefe Beitimmung für das Volk ift der eine von den Gründen, warum ich ftatt einer neuen Auflage meiner Tritifchen Bearbeitung des Lebens Jeſu ein neues Buch gebe, worin von dem alten außer den Grund⸗ gedanken nichts anzutreffen if. Aber auch ein anderer Umftand wirkte in gleicher Richtung. Längft war e8 mein Wunſch, bei Gelegenheit einer neuen Auflage jenes Werk mit demjenigen, was feit feinem letztmaligen Erfcheinen auf demfelben Gebiete geleiftet worden, auszugleichen, feinen Standpunft ebenfo gegen neuere Einwürfe zu vertreten, wie feine Ergebniffe aus dem Ertrage weiterer Forfchungen, fremder wie eigener, zu berichtigen und zu ergänzen. Allein dadurch wäre, wie ſich mir bald ergab, das frühere Wert, deffen Bedeutung eben darin Tiegt, daß e8 diefen Forfchungen vorangegangen ift, in feiner Eigenthüämlichfeit aufgehoben, ja geradezu zerftört worden, und das wäre Schade gewefen. Denn es iſt nicht allein das gefchichtliche Denkmal eines Wendepunkts in der Entwidlung der neuern Theologie, jondern wird aud) vermöge feiner Anlage noch langehin ein brauchbares Bildungsmittel für die Lernenden fein. Alſo bleibe das alte Leben Jeſu wie es ift, und follte ſich je einmal eine neue Auflage des vergriffenen Buchs als Bedürfniß herausftellen, jo werde biefe (das will ich Tettwillig verordnet haben) nach der erjten, mit Zuziehung weniger Berbefjerungen der vierten Auflage, veranjtaltet.

Die Auseinanderfegung mit den neueren Forſchungen mußte dann eben, fo gut e8 ging, dem populären Werfe einverleibt werden. Und es ging, wenn auf das gelehrte Detail verzichtet wurde. Das war freilich ein Berluft; dafür war e8 aber ein Gewinn, daß dadurch von vorneherein auch jeder gelehrte Vorbehalt abgejchnitten war. Ein foldher ift die Ver- fiherung, auf die man in den wiflenfchaftlichen Werfen freidenfender Theologen fo oft jtößt, daß ihren Unterfuchungen ein Lediglich Hiftorifches Intereffe zum Grunde liege. Alle Achtung vor dem Worte der gelehrten Herren; allein ich halte es für etwas Unmögliches, was fie verfichern, und würde es für nichts Löbliches halten, wenn es auch möglich wäre. Ia, wer über die Herricher von Nineve oder die ägyptiſchen Pharaonen tchreibt, der mag dabei ein rein Hiftorifches Intereffe haben; das Chriften-

xIv Borrebe.

thum dagegen ift eine fo lebendige Macht, und die Frage, wie es bei feiner Entftehung zugegangen, fchließt fo eingreifende Confequenzen für die unmittelbare Gegenwart in fi, daß der Forſcher ein Stumpffinniger jein müßte, um bei der Entfcheidung jener Frage eben nur biftorifch intereffirt zu fein.

Aber foviel ift richtig: wen am der jebigen Kirche und Theologie das ımerträglich ift, daß wir das Chriftentfum fort und fort als eine übernatärliche Offenbarung, den Stifter deffelben als den Gottmenfchen, fein Leben als eine Kette von Wundern anfehen follen, dem bietet fich als das ficherfte Mittel, feinen Zwed zu erreichen, deffen was ihn drückt loszuwerden, eben die gejchichtlihe Forfhung dar. Denn da er der Ueberzeugung lebt, daß Alles, was gefchehen, natürlich gejchehen, daß auch der ausgezeichnetite Menſch doch immer nur Menfch geweien ift, daß es folglich auch mit allem dem, was in der Urgeſchichte des Chriſtenthums jest als vermeintliche Wunder die Augen biendet, in der Wirklichkeit nur natärlich zugegangen fein Tann, jo muß er Hoffen, je genauer er dem mwirflichen gefchichtlichen Hergang auf die Spur kommt, defto mehr auch die Natürlichkeit deffelben an den Tag zu bringen, d. h. er findet ſich durch feine Tendenz felbjt zu emfiger hiftortfcher Forſchung, aber freilich auch zu ftrenger hiftorifcher Kritif angewiefen. Infoweit bin ich mit jenen Gelehrten eimverjtanden, und fie, wenn fie ihren Beftrebungen auf den Grund fehen, wohl auch mit mir: unfer Zweck ift nicht, eine vergangene Geſchichte zu ermitteln, vielmehr dem menfchlichen Geifte zu Fünftiger Be— freiung von einem drückenden Glaubensjoche behülflich zu fein; aber ale das befte Mittel zu diefem Zwed erkenne ich mit ihnen, neben philo- ſophiſcher Aufklärung der Begriffe, die gefehichtliche Forſchung an.

Mit dem Vorbehalt eines blos Hiftorifchen Intereffes hängt dann gerne der Rückhalt zufammen, daß man die Unterfuchung nicht bis zu ihrem eigentlichen Zielpunkte fortführt, den gelehrten Wald nicht bis da⸗ bin lichtet, wo man die Ausficht in’s Freie gewinnt. Man fragt nicht, was Jeſus wirklich gejagt oder gethan haben möge, jondern nur, was die Berichterftatter ihn thun und reden laffen; nicht, was an und für fid) an einer evangelifchen Erzählung fei, ſondern wa& der Erzähler auf feinem Standpunkte, bei feinen befondern Zwecken, mit derjelben gemeint und gewollt habe. So maht man fid) mit den Cvangeliften zu thun, und läßt den Herrn aus dem Spiele, wie man fich nach ber conftituttonellen Fiction an die Regierung hält, und bie Krone aus dem Spiele läßt.

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Vorrede. xv

Auch das iſt klug gethan, um ſich den Fanatismus vom Leibe zu halten, und auch wohlgethan iſt es, mit fo wichtigen Vorfragen ſich recht ein- gehend zu beſchäftigen; aber genug gethan iſt es nicht. Was wir eigentlich wiſſen wollen, iſt, ob die evangeliſche Geſchichte im Ganzen und Einzelnen wahr ift oder nicht, und nur nach Maßgabe des Zuſammenhangs mit diefer Hauptfrage können jene Borfragen auf ein allgemeineres Intereſſe Anſpruch machen. In diefer Hinficht ift die Evangelienkritik während ber festen zwanzig Jahre unläugbar etwas in’s Kraut gefchoffen. Die neuen Hypotheſen befonders über die drei erften Evangelien, ihre Quellen, ihre Zwecke, ihre Sompofition und ihr Verhältniß zu einander drängen ſich, werden mit einem Eifer fowohl begründet wie befümpft, als ob es ſich um nichts weiter handalte, und der darüber geführte Streit läßt ſich fo meitansfehend an, daß man bange werden muß, jemals über die Haupt- frage in's Klare zu kommen, wenn wirklich ihre Löfung bis "zum Aus- trage diefes Streites vertagt werden fol.

So ſchlimm fteht es indefjen glücklichermeife bei Weiten nicht. Weber Johannes freilich und fein Verhältnig zu den übrigen muß man im Klaren fein, ehe man ein Wort in diefen Dingen mitſprechen darf; da= gegen können wir über viele gerade der wefentlichften Punkte in der evan- gelifchen Geſchichte gar wohl in's Reine kommen, wenn wir auch noch fange nicht darüber im Keinen find, ob Matthäus hebräiſch oder griechiſch, eine Spruchſammlung oder ein Evangelium gefchrieben, ob Lucas den Marcus und Matthäus, ober Marcus den Matthäus und Lucas vor fich gehabt. Bat. Das vor Allem läßt jid) unabhängig von diefen und ähnlichen Fragen erkennen, wie wir uns die evangeliſche Geſchichte nicht vorzu- ſtellen haben. Und diefes Negative ift für unfern nicht blos Hiftorifchen, überhaupt nicht rüdwärts, fondern vorwärts gerichteten Zweck gerade eine um nicht zu fagen die Hauptfahe. Es befteht aber darin, daß in der Perfon und dem Werke Iefu nichts Uebernatürliches, nichts von der Art gewefen ift, das nun mit dem Bleigewicht einer unverbrüchlichen, blinden &lauben heifchenden Auctorität auf der Menſchheit Liegen bleiben . müßte. Weber dieſes Negative, fage ich, können wir lange vor der Ent- ſcheidung aller jener. endlofen Fritifchen Fragen in's Reine fommen; denn ſoviel Können wir unfern Evangelien bald abfehen, daß weder alle noch ein einzelne® unter ihnen die zwingende Hiftorifche Glaubwürdigkeit auf- weiten, welche nöthig wäre, um unſere Vernunft 5i8 zur Annahme des Wunders gefangen zu nehmen.

xvI Borrebe.

Das Pofitive zu diefem Negativen ift dann, wie wir uns die Berfon, bie Ziwede und Schickſale Jeſu auf der einen, die Entftehung des Un- gefhichtlichen in den evangeliiden Nadrichten von ihm auf der andern Seite zu denfen haben. Um diefe Fragen endgültig beantworten zu können, müßten wir freilich wiffen, was an dem Chriftusbilde jedes einzelnen Evangeliften feine Zuthat und woher diefe genommen ift, und dieß wird fih mit völliger Sicherheit nicht angeben laffen, ehe die äußern wie innern Bedingungen ihrer Schriftftellerei, ihre Zwede und ihre Mittel, genau er- foricht find. So weit find wir allerdings noch lange nicht; immerhin jedoch muß es erlaubt, ja wünjchenswerth fein, daß dann und warn Abrechnung gehalten und gefragt wird, was dem nun nach dem dermaligen Stande ber Forfchung, das in Rechnung genommen, wag ſich mit überwiegenber Wahrfcheinlichkeit feitgeftellt hat, das bei Seite gelaffen, was erft un- ſichere Vermuthung ift, über jene Hauptfragen ſich ausfagen läßt. Alle Detheiligten werden hiedurch an das erinnert, um was es ich eigentlich handelt, und ſolche Erinnerung, ſolches Zurückrufen aus dem Umfreis in den Mittelpunkt, ift dev Wiffenfchaft allemal erſprießlich gewefen.

Was mich betrifft, jo behaupte ich nur meine von Anfang an ein- genommene "Stellung, wenn id) die feitherigen Forſchungen über Die Evangelien für die Frage nach der evangelifchen Geſchichte zu verwerthen fuche. Zu diefem Zwecke habe ich von allen, die fich feit dem erften Er- Icheinen meines Leben Jeſu in der Evangelienkritik hervorgethan haben, zu lernen geftrebt, und die Sünde des Pilatismus literarius (wie bie. Schweizer Gottſched's eigenfinniges Beharren auf dem einmal gefchriebenen Worte nannten) wird mir Niemand zur Laft legen können. Am meijten Belehrung verdanke ich allerdings Baur und den Männern, die in feinem Sinne weiter geforscht haben; konnte ich auch nicht mit allen ihren Er- gebniffen einverftanden fein, fo war ich es doch um jo mehr mit dem Geiſt und der Art ihrer Forſchung: während ich auf der Gegenfeite um⸗ gefehrt wohl einntal ein einzelnes Ergebnig brauchbar, die Richtung im Ganzen aber nad Zweck und Mitteln wie immer verwerflich fand. Die Kritifer der erftern Art werden hoffentlich darin, daß ich in einen Werfe von der Beſtimmung bes vorliegenden zu mancher der von ihnen verhan- beiten Fragen mid) indifferent verhalte, feine Mißachtung ihrer Forſchungen fehen; wie die Theologen der andern Art mein Buch aufnehmen werden, weiß ich zum Voraus, und bin auf Alles, vom hochmüthigen Schweigen und verächtlichen Neden bis zur Anklage auf Schändung des Heiligen

Borrebe. xvu

gefaßt. Und da ich mein Buch dem deutſchen Volke beſtimme, fo kann ic) mir auch die Protefte jchon denken, die im Namen diejes deutfchen Volkes von Solchen, die e8 gewiß nicht dazu berufen haben wird, dagegen werden erhoben werden.

Ih faffe das deutfche Boll als das Volk der Reformation, diefe aber denke ich mir nicht als ein fertiges, fondern als ein Werf, das fort- gefeßt fein will. Zu einer ſolchen Fortſetzung der Reformation drängen gerade im gegenwärtigen Augenblid die Bildungsverhältnifie ebenfo unab- weisbar hin, als fie vor vierthalbhundert Iahren zum Beginne derjelben gedrängt haben. Auch wir leben in einer Krifis, die das Beinliche hat, daß uns wie den damals Lebenden ein Theil des geltenden Chriftenthums ebenjo unerträglich) geworden, als ein anderer unentbehrlich geblieben ift. Dabei hatte das Reformationgzeitalter den Vortheil, daß, was ihm un- erträglich geworden war, lediglid auf Seiten der Lehre und Praxis der Kirche lag; wogegen e8 in der Lehre der Bibel und einer nad) deren Vorſchriften vereinfachten Kirchenverfaffung noch immer feine Befriedigung fand. Hier machte fi die Ausicheidung verhältnißmäßig leicht, und da dent Volke die Bibel als unangetaftetes Ganze göttlicher Offenbarungen und Heilslehren verblieb, jo war die Krifis, wenn auch erfchütternd, doch ungefährlich. Jetzt Hingegen ift auch) das, was dem Proteftanten damals noch geblieben war, die Bibel mit ihrer Gefchichte und Lehre, von dem Zweifel in Anſpruch genommen, in ihr felbft foll eine Scheidung vorge- nommen werden zwifchen dem, was für alle Zeiten wahr und verbindlich, und dem, was nur in vorübergehenden Zeitvorjtellungen und Zeitverhält- niffen begründet, für uns unbrauchbar, ja unannehmbar geworben ift. Und auch jenes für uns noch Gültige und Verpflichtende wird als folches nicht mehr deßwegen anerkannt, weil e8 als göttliche Offenbarung durch wunderbar beglaubigte Gefandte verfündigt worden, fondern weil es von der Vernunft und Erfahrung als an ſich wahr, als begründet in ben Geſetzen des menschlichen Weſens und Denkens erfannt wird.

Unentbehrlich,; aber auch unverlierbar, bleibt uns von dem Chriften- thum dasjenige, wodurd e8 die Menfchheit aus der finnlichen Religion der Griechen auf der einen Seite, der jüdifchen Gefegesreligion auf der andern, herausgehoben hat; alfo nad) jener Seite hin der Glaube, daß e8 eine geiftige und fittliche Macht ift, welche die Welt beherrſcht, nad) biefer bie Einficht, daß der Dienft diefer Macht, in den wir uns zu ftellen haben, wie fie felbft, nur ein geiftiger und fittliher, ein Dienft

xva Borrede.

des Herzens und ber Gefinnung, fein kann. Schon don der Iegtern Ein» fiht übrigens Täßt ſich eigentlich nicht fagen, daß fie und aus dem bis⸗ herigen Chriftenthum bleibe; denn fie ift, in ihrer Reinheit wenigfteng, noch gar nicht zur Geltung gebracht. An einer Reihe von Handlungen hängt ſelbſt noch die proteftantifche Chriftenheit, die nicht beffer als die altjüdifchen Eeremonien find, umd doch für wefentlic zur Seligfeit ge- halten werden. Und forſcht man nad, woran es Liegt, daß ſich der⸗ gleichen Fremdartiges in bie Religion Jeſu eindrängen und in ihr erhalten Tonnte, fo erkennt man als die Urſache dafjelbe, was für unfere Zeit mit Recht den Hauptanftoß an dem ganzen alten Religionsweſen bildet, nämlich den Wunderwahn. So lange das Chriftenthum als etwas der Menfchheit von außen her ©egebenes, Chriftus als ein vom Himmel Ge- kommener, feine Kirche als eine Anftalt zur Entfündigung der Menſchen durch fein Blut betrachtet wird, ift die ©eiftesreligion felbft ungeiftig, das Chriſtenthum jüdifch gefaßt. Erſt wenn erfannt wird, daß im Chriften- thum die Menſchheit nur ihrer felbft tiefer als bis dahin ſich bewußt geworden, daß Jeſus nur derjenige Menfch iſt, in welchem diefes tiefere Bewußtfein zuerft als eine fein ganzes Leben und Wefen beitimmende Macht aufgegangen ift, daß Entfündigung eben nur im Eingehen in diefe Ges finnung, ihrer Aufnahme gleihfam in das eigene Blut, zu finden ift, erft dann ift das Chrijtenthum wirklich chriſtlich verftanden.

Die Einfiht, daß nur dieß das Wahre ımd Bleibende am Ehriften- thum, alles Andere num verweslihe und ſchon Halb verwefte Hülle ſei, ftegt in unferer Zeit als Ahnung in den Gemüthern. Man findet die einfachften Menſchen der unterften Volksſchichten ihr oft ebenfo nahe, als freilich Viele in den oberften Gefellfehaftsffaffen ihr, wie noh manchem andern Guten und Schönen, verfchloffen. Man findet aber auch bei der engen Verbindimg, worin in unfern heiligen Schriften beide Beftanbtheile des ChriftenthHums miteinander ftehen, manche Gemüther in Gefahr, mit der Schale zugleich den Kern zu verlieren, oder doch einem aufreibenden Kampf und Ringen, einem bedenklihen Schwanken zwifchen ausgelafjenem Unglauben und rampfhaftem Glauben, zwifchen Freigeifterei und Srömmelei, preisgegeben. Dieſer Nathlofigkeit zu Hülfe zu kommen, ift die Pflicht eines Seden, der ſich dazu im Stande fühlt. Es kann aber nicht anders geſchehen, als dadurch, daß die Orenzlinie erfennbar gemacht wird, welche die bleibenden Beſtandtheile des ChriftentHums von den vergänglichen, die ächten SHeildwahrheiten von den bloßen Zeitmeinmgen fcheidet. SDiefer

Vorrede. M

Riß geht num freilich mitten durch die Heilige Schrift, d. h. manchem red» lichen Ehriften und befonders Proteftanten mitten durch's Herz. Indeß folches Herzbrechen wurde ja font zu den chriftlichen Bußwerken gerechnet, und dießmal läuft e8 überdieß mm auf ein wenig Kopfbrechen, auf das Annehmen von etwas Vernunft hinaus. Wen nur einmal ein Begriff davon beigebracht ift, daß die Menſchheit und Alles in ihr, auch die Religion nicht ausgenommen, fich geichichtlich entwidelt, dem muß auch einleuchten, daß auf feinen Bunkte innerhalb diefer Entwidlung ein fchlecht- bin Höchftes gegeben fein kann, daß der Vorſtellungskreis von Religions urkunden, die vor mehr als anderthalbtaufend Sahren unter äußerft um- günftigen Bildungsverhältnifien‘ entftanden find, nicht mehr ohne Weiteres der unſrige fein Tann, fondern daß, wenn er für uns noch eine Geltung haben ſoll, erft eine Scheidung des Wefentlihen vom Unweſentlichen vor- geuommen werben mu.

Diefe Scheidung vorzunehmen, ift die nächte Aufgabe des Pro» teftantismus, und fofern das deutſche Bolt die Aufgabe der Bortbildung des Proteftantismus Hat, des deutſchen Volles. Dazu Tann man bie Bemühungen um eine freiere Geftaltung des Kirchenregiments, die ſich jest da und dort in Deutfchland regen, höchſtens als Vorarbeiten gelten taffen. Im diefem Sinne mag man fich ihrer freuen; aber die Meinung, als wäre es damit gethan, ja als beträfen fie überhaupt ſchon die Sache felbft, wäre ein verberblicher Wahn, und die Behauptung, die man von dorther wohl zu hören befommt, in ımferer Zeit handle es fich nicht mehr um das Dogma, fondern um das Ticchliche Leben, nicht mehr um den Gegenfag bes Nationalismus und Supranaturalismus, fondern um den der Gemeindekirche und ber Geiftlichenkirche, ift ein Kurzfichtiges oder ein zweibeutiged Gerede. Denn die Kicchenverfafjung tft ja doch immer nur die Form, worin ihr den Gehalt des Chriſtenthums bewahret; ſchon um zu wiffen, welche Form dazu die geeignetfte iſt, müſſet ihr wiſſen, was ihr denn am Chriſtenthum Habt, etwas Natürliches oder etwas Uebernatürliches; und diefe Frage könmet ihr um jo weniger unentſchieden Iaffen, als eine übernatürliche Religion mit Geheimniſſen und Gnaden⸗ mitteln folgerichtig auch einen Stand über ber Gemeinde ftehender Priefter mit fich bringt. Wer die Pfaffen ans der Kirche fhaffen will, der muß erft das Wunber aus der Religion fhaffen.

Indem ich das deutſche Volt zum Uebernahme diefer Geiftesarbeit ernumtere, rufe ich es nicht von feiner politiſchen Aufgabe ab, jondern

“0

xx Borrede.

weiſe es nur an, zur Löſung derſelben erſt den ſichern Grund zu legen. So gewiß e8 die Reformation ift, die, aus ber tiefiten Eigenthümlichkeit unjeres Volkes entfprungen, demfelben für alle Zeiten ihr Gepräge aufgedrückt bat, jo gewiß Tann diefem nichts gelingen, was nicht an fie anknüpft, nicht auf dem Boden innerer Geiſtes⸗ und Herzensbildung erwachlen tft: wir Deutſche können politifch nur in dem Maße frei werden, als wir ung geiſtig, veligiös umd fittlich frei gemacht haben. Und was iſt es denn in der. Regel, wenn unſer Volk einen Anlauf nimmt, fi) als Einheit zufanmenzufaffen, das fich Hindernd in den Weg ftellt, das den Zwieſpalt zwifhen Nord und Süd, der an ſich fchon mißlich genug ift, vollends vergiftet, als die Zweiheit der Confeffionen, als der leidige Umftand, daß der im fchönften Fortgang begriffene Broceß der Reformation gewalt- fam- gehemmt, diefe der Hälfte des deutſchen Voll und Landes vorent- halten, oder vielmehr, da fie fait überall ſchon feiten Fuß gefaßt Hatte, freventlich wieder geraubt worden ift? Und nun follten doch beide Theile längft fo viel begriffen haben, daß fo wie jeßt die Sachen liegen, es feinem mehr gelingen wird, den andern zu fich herüberzuziehen, fondern daß, wenn eine Wiedervereinigung möglich fein foll, dieſe nur in einem dritten Standpunkt über den ftreitenden Parteien gefunden werden Tann. Diefem höheren vereinigenden Standpuntt aber Tann das deutjche Volk nicht anders entgegengehoben werden, als inden e8 in das Innere ber Religion eingeführt und von dem äußern -Beiwerfe, worin auch die con— feffionellen Unterjcheidimgslehren ihre Wurzeln haben, losgemacht wird. Dazu waren von Fatholifcher Seite der Deutfchlatholicismus, von pro» teftantifcher die Genoſſenſchaft der Lichtfreunde, die fid) beide bereits in freireligiöfen Gemeinden zu verfchmelzen anfangen, beachtenswerthe praktiſche Verſuche; dazu ſoll das vorliegende Werk von wiffenfchaftlicher Seite her einen Beitrag geben.

In diefer Hinfiht reicht es dem franzöfifchen von Renan über den Rhein hinüber die Hand. Man mag an diefem fchnell berühmt ge- wordenen Buche ausjegen fo viel man will: ein Buch, das, kaum her- "vorgetveten, bereit von ich weiß nicht wie viel Difhöfen und von ber römifchen Curie felbft verdammt worden ift, muß nothwendig ein Buch von Verdienft fein. Es hat feine ehler, aber nur Einen Grundfehler ; und von diefem gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß der geiftvolle Ver⸗ faffer ihn noch erkennen und darnach feine Arbeit verbefferw werde. Was uns außerdem als Fehler erfeheinen mag, find zum Theil Eigenfchaften,

Vorrede. —X

die dem Buch in ſeiner Heimath als Vorzüge angerechnet werden und ſeiner Wirkſamkeit Vorſchub thun; wie umgekehrt Manches, wodurch der Verfafſer des gegenwärtigen Werkes die Zufriedenheit feiner Landsleute zu verdienen hofft, jenfeits des Rheins mißfallen oder doch Tangweilen würde. Ich Habe das Leben Jeſu von Renan, das erfihien wie das meinige nahezu vollendet war, als ein Zeichen des allerwärts fich vegenden gleichen Bedürfniſſes mit Freude begräßt und bei näherer Anficht mit Achtung aufgenommen; von meinem Wege abbringen Tonnte e8 mich nicht; aber ein Buch für Deutſche gefchrieben zu haben in dem vollen Sinne, wie er eines für Franzoſen gefchrieben Hat, ift Alles was ich wünfche.

Heilbronn, tm Januar 1864.

Der Berfafier.

in Seite Einleitung. 1. Gedante eines Lebens Jeſ....... 8 L Die verfchiedenen Bearbeitungen des Lebens Jeſu.

en 7 3. ©» ‚| > BE 10 Bu... ren Pe 13 5. Schleiermacheerr....... 18 | VER. 20 7, Meine Tritifge Bearbeitung des Lebens Iehu - - . 2 0 29

8 Reaction und Bermittlung: Neanber, Ebrard, Weiße, Ewald. Neue Unfäge: Keim, nd 7 7 1 EEE 3

ID. Die Evangelien als Quellen des Lebens Jeſu. A. Die äußeren Zeugnifje über den Urfprung und das Alter ber Evangelien.

9. Mlgemeine Vorbemerkungen - - - » 2 2.2. . ern ene a W, Die Alteſten Zeugnifie für die drei erſten Evangelien - . > 2 2 2 2 nn nn «7 11, Sernere Zeugniffe für die drei erfien Evangelien . - > 2 2 2 00 re E71 12. Die Zeugniſſe für das johannelipe Evangelium . -. - - 2: 2: 2 200. 62 18, Unerlennung und Berwerfung des johannelfhen Evangeliund . - - . 2 2 20. . 6

B. Die Evangelien nach ihrer inneren Beichaffenheit und ihrem Verhältniß ımter einander.

4, Berſchiedene Hypotheſen über das Verhältniß der drei erfien Evangelien. Leffing, Eich⸗ Born, Hug, Griesbach, Gieſeler, Schleiermacher. 20 ne. B. Das johanneiſche Evangelium. Bretſchneider, Schleiermache. 2 0.0. 16, Weitere Berbanblungen fiber bie brei erften Evangelien und ihr Verhältniß zum vierten. Schulz, Sieffert, Schnedenburger ; meine kritiſche Bearbeitung bes Lebens Jeſu 1, Berfuge, im vierten Svangelium einen apoftoliihen und einen unapofolifgen Beſtand⸗ theil zu unterfgeiden. Weiße, Schweizer, Renan . - » 2 2 2 20er 18, Baur’s Unterfugungen über das johannelige Evangelium, deren Fortſezung und Be⸗ 1 1 11 + 1 7 13, Rackblick auf die drei erfien Evangelien. Matthäus . . . 2: 20 2er ne ꝝ. Das Sucabsvangelium - - - - 2 020. ne A, Das Marcußs@vangelium - - > 2 20 rennen 3. Bergleiende Würdigung des vier Evangelien. . . . > 22 en

IH. Etliche Vorbegriffe zu der folgenden Unterfuchung.

22. Ruͤkbliieeeeeeee. 145 34. Der Wunberbeahf - - > 20er. 146 25. Der Begriff des Mythuuusss..é 150 3. Plan bes Werle....— 159

Erites Bud.

Das Leben Yein im geſchichtlichen Umriß. N. Borberetung > 2000 nen 165 28. Der Entwillungsgang des Jubenthumeee.... 168 9. Der Entwidlungsgang ber griechiſch⸗römiſchen Biltune - - - 2 0 2200. 179 30. Der Täufer. . » - 2 2 0 ne. ne 187 sı. Jeſus. Seine Herkunft . © > 2 2 nn ne 191 33. Die Bildung Jeſu. Sein Berbältnig zum Käufer Ichanne® . . . » 2 200. 1 33. Das religidfe Bewußtfein Sein. Unmdgliggkeit, es aus bem vierten Evangelium zu er⸗ mitteln rn 198

34. Das religidfe Bewußtſein Iefr nach den brei erſten Evangelin. -. . . . 204 35. Das Berbältnig Iefu zum mofalfhen Gef - - > > 2 2 2 nn 209 36. Die Stellung Iefu zu ven Nichtifraeliten. 317 37. Jeſu Berhältniß zur Meffiasibe. 6 223 38. Der Ichrende und ber leidende Mefllae - - > 2 0 re rer. 230 9. Die mefflanifhe Wieberlunft . . 2 20 nee 236 40. Schauplag und Daner ber Öffentliden Thätigleit Ichn. . - - 2 > 2 0 ne nen 23 41. Die Lehrart Ten 222 252 4. Die Wunder Ihn . . . 2 202 BL. 2 2 nn ne. 268 43. Die Jünger Thu 2 20 269 44. Die Reife nah Vernfalem . 2 2000 277 45. Letzte Mahlzeit, Sefangennehmung und Hinrihtung Iehu. . - 2 2 une 281 46. Die Auferſtehnng. Das Ungenligenbe ber evangelifhen Berihte . . . . . . . wo. 387 47. Die Auferehung Jeſu keine natürliche Wiederbelebung . - - - > nenn 295 48, Die Ehriftuserfeinung bes Apoftele Baulus. -. - 2 2 2 rennen 299 49. Rückblick auf ben Arfprung des Glaubens an bie Auferflebung Inu . -. - » ».. 2... 304 50. Zeit unb Ort ber apoftolifgen Ehriftuspifionen -. - . > 2 20 nn ne. 310

Bweites Sud.

Die mythiſche Geſchichte Jeſn in ihrer Eutſtehung und Ausbildung.

b1. Mon ren 321

Erftes - Rapitel.

Die mythiſche Borgefchichte Jeſu. 53. Arten ne 333 Erfte Mytbengruppe. Iefus der Davideſohn.

I. Jeſus, der Meſſias, ſtammt aus David’s Gefchleht. Die beiden Geſchlechtsregiſter. 8ß8............. 33 A rn a 380 I. Jeſus al8 der Meffias ift geboren in David's Stadt.

1 Pa ER 833 II. Jeſus, der Meffias, ift gleich David durch einen prophetiihen Mann

zu feinem Amte eingeweiht. Ä 86, ı L 1 1 1 2 0 [2 8 TFT TT T TT TTS LT F I CD DIT CT 340

XXxV Seite Zweite Mythengruppe. Jeſus der Gottesſohn. J. Jeſus iſt ohne männliches Zuthun durch den heiligen Geiſt in Maria erzeugt. 1 Fa .. 347 58. Zugabe: BVerfünbigung und Geburt des Vorläufer. . - on 352 59. FE. en 356 I. Jeſus das fleifehgewordene göttliche Schöpferwort 7 .. .. ... 358 |) a . .. .. 366 Dritte Mythengruppe. Jeſus der andere Mofes. J. Zebensgefahr und Lebensrettung aus Anlaß des Meifiasfterne. > .. . ... 368 > EB 375 Seitenſtück: Die Darftellung Sefu im Tempel. 2 Pe 381 IL Iefus, wie Mofes und Samuel, früh feiner höheren Beſtimmung zugewenbet. 387

IH. Der Meifias Iefus befteht die VBerfuchung, der das Bolt in der Wiifte unter Moſe's Anführung erlegen war.

weites Rapitel. Die mythiſche Gefchichte des öffentlichen Lebens Jeſu.

67. Ueberſichtt.e.... . .. 402 Erfte Mythengruppe Jeſus und fein Borläufer ER nn 408 Zweite Mythengruppe. Jeſus und feine Sünger., > EEE 409 ı EEE EEE 47 Dritte Mythengruppe. Jeſus als Wunderthater. 71. Heilungowunder. Blindenheilungen. 2... DEE BE BE re 425 ° 72. Seilungen von Gelͤhmten. rn 433 73. Sellungen von Ausfägigen, Tauben und Stummen . . » 2 22 2 0 nen 441 74. Seilungen von Beleflienen - - > > 22 2 446 75. Unwiftürlige Hellungen und Heilungen in bie Bene. . . » 20 455 76. Tobtenerwelungen - - > >: 2 463 77. Die Uuferwedtung bes Lagaru® . . . > 2: rn 470 78. Seeaneldoteenn.... 486 79. Die wunderbare Speifung - - > > 2 2 nen 496 0. Die Weinbeiberun . - - 2.0. nenne 506 81. Die Berfiuhung bes Beigenbaum® . . 2: 20 613

Bierte Mytbengruppe. Die Berflärung und der Einzug Iefu in Iernfalem.

Die Ball . » 2 2222

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Seite Drittes Rapifel

Die mythiſche Gefchichte des Leidens, Todes und der Auferftehung

Jeſu. Erſte Mythengruppe. Das bethaniſche Mahl und das Paſſah— mahl.

84. Das bethaniſche Mahl und bie Salbunnggg. 52 88. Das Paſſahmahl und bie Abendmahlseinſetzunngngg.. . 533 86. Die Fußwaſchungggg. en 542

Zweite Mythengruppe, Der Seelenfampf und die Gefangen-

nehmung Jeſu.

87. Der Seelenkampf in Gethſemane. Stellung bes vierten Evangeliſten zu dieſer Ge⸗ ſchichtte. . 547 88. Gefangennehmung Jeſſſſ...... 555

Dritte Mythengruppe. Verhör und Berurtheilung Jeſu. 89. Das Berhör vor dem Hohenpriefter und die Berläugnung des Petrus . . . . ... 5659 0. Der Tod bed Verrätbere . 2 en 563 91. Das Berbör vor Pilatus und das vor Seroded . . > on 668 Bierte Mythengruppe. Krenzigung, Tod und Begräbniß Iefu.